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Die Bedeutung der Fechtbücher im Studium der historischen europäischen Kampfkünste

Die Bedeutung der Fechtbücher im Studium der historischen europäischen Kampfkünste

Die Thematik der historischen europäischen Kampfkünste "HEMA" [1] ist bis jetzt nur am Rande in der Literatur und in der westlichen Kampfkunstgemeinschaft behandelt worden. Die Traditionen verschwanden vor langer Zeit und im Gegensatz zu den östlichen Kampfkünsten - mit der alleinigen Ausnahme von Ringen - können die HEMA nicht auf der Grundlage von irgendwelchen heutigen modernen Kampfsportarten alleine wieder rekonstruiert werden. Die Fechtschulen und die Fechtmeister existieren nicht mehr, es gibt keine Personen die analog zu einem östlichen Sensei wären und einem Kursteilnehmer beibringen könnten, wie man mit einem Schwert, einem Säbel oder einer Hellebarte kämpft.
Die einzige geeignete Möglichkeit für die HEMA-Rekonstruktion ist die Erforschung und Untersuchung der "Fechtbücher" (Abhandlungen über das Kämpfen) und der Anwendung des Wissens das darin enthalten ist, in der Praxis.

Hintergründe

Die Rekonstruktion der HEMA hat ihre Wurzeln in den Ideen von Ritterlichkeit und Nobilität im 18. Jahrhundert. So inspirierten historische Romane von berühmten Autoren wie Sir Walter Scott und Sir Arthur Conan Doyle, englische Adlige im Jahre 1839 dazu ein Turnier in Eglinton zu organisieren, in welchem die Teilnehmer ihre Fähigkeiten im Kampf erproben konnten.
Die Re-Enactment Gruppen, die sich hauptsächlich mit den romantischen Aspekten der Ritterlichkeit beschäftigen, haben vor kurzem eine erneute Renaissance erlebt. Anstatt jedoch ihre Tätigkeiten auf akademischen Quellen zu begründen, vertrauen sie häufig auf die stereotypischen Vorstellungen des Mittelalters - einschließlich der Art und Weise der Handhabung der Waffen.
Ihre Motive sind edel, aber ihr Desinteresse an Untersuchung und Anwendung der vorhandenen historischen Quellen für ihre Tätigkeiten hat weniger eine ernsthafte Rekonstruktion der Periode ergeben als eine meistens spielerische Beschäftigung die, insofern es die Kampfkünste betrifft, in eine Sackgasse geführt hat.

Anscheinend wurden die ersten Rekonstruktions Versuche schon etwa um 1890 gemacht, als unter anderem Sir Egerton Castle und Sir Captain Alfred Hutton ihre Analyse "der alten Waffen" in der Öffentlichkeit vorstellten. Der Autor besitzt keine genauen Berichte der betreffenden Ereignisse, dennoch ist aus den Arbeiten Castle`s und Huttons ersichtlich, das die "ersten Schritte" der HEMA-Rekonstruktion voller Fehler und Mißverständnisse waren. Die Ereignisse werden ausführlicher in den Artikeln von John Clements "Historical Fencing Studies - The British Legacy" und Tony Wolf "The Grand Assault at Arms" beschrieben.

Das Interesse an den HEMA hat für mehr als ein Jahrhundert bestanden und das Interesse und die Entwicklung wurden mit Aufkommen des Internets, das eine weltweite Ansammlung von Forschern – bestehend aus Gelehrten, Hobbyisten und Praktikern - zusammengebracht hat, über die letzten fünfundzwanzig Jahre beschleunigt. Vor dem Internet waren einzelne Gruppen oder "Rekonstrukteure", Historiker und Archäologen der breiteren Öffentlichkeit praktisch unbekannt und haben auf sich allein gestellt oder in ihren lokalen Gemeinschaften gearbeitet.
Heutzutage haben Gruppen wie die Academy of European Medieval Martial Arts, die Chicago Swordplay Guild, the Exiles, die Association for Renaissance Martial Arts und andere, eine grosse Anzahl aktiver Mitglieder und sind miteinander gleichmässig verbunden. Für viele ist die Rekonstruktion der HEMA zu einem Ziel geworden. Die verschiedenen Gruppen haben sich, bis zur Verwendung des Internets, dem Thema meistens unabhängig voneinander von den unterschiedlichsten Blickwinkeln aus genähert. Die gegenseitigen und häufigen Kontakte haben die Anwendung der gleichbleibenden akademischen Methoden Organisations übergreifend ergeben und folglich den Erfolg der Rekonstruktion der entwicklungsfähigen historischen europäischen Kampfkünste erhöht.

Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion

Es gibt im Allgemeinen zwei übliche Methoden, die für die Rekonstruktion von Werkzeugen und die Weise ihres Gebrauches verwendet werden. Die erste ist es, vorhandene Quellen zu analysieren und zu versuchen das Thema wieder zu rekonstruieren z.B. im Fall mittelalterlicher Musikinstrumente, wo es keine bekannten Exemplare gibt die erhalten geblieben sind und gespielt werden können. Die zweite Methode ist es, ein erhalten gebliebenes Exemplar in einer Umgebung die dem Orginal so nah wie möglich kommt zu verwenden. Diese Herangehesweise wurde benutzt, um z.B. die Energie eines Pfeiles festzustellen der mit einem Langbogen abgeschossen wird.

Beide Methoden haben ihr Vor- und Nachteile und sollten im Kontext der HEMA besprochen werden. Die Analyse der historischen Quellen stellt ein theoretisches Wissen zur Verfügung, wie die Waffen in der Periode der Untersuchung benutzt worden sein könnten. Jedoch, nachdem die historischen Quellen überprüft sind, bleiben viele Fragen offen und folglich kommt die experimentelle Methode in Spiel. Wie mit Tanz-Anleitungen, muß der Lernende das gewonnene Wissen über die Kunst in der Praxis anwenden. Die extremste Variante dieser Methode ist, wenn man keine historischen Quellen hat sondern nur das Artefakt untersucht werden kann, um auf seinen möglichen Gebrauch zu schliessen. Anschliessend besteht die Notwendigkeit einer Testphase, in der man eine künstliche Umgebung herstellt und die Entwicklungsfähigkeit der Untersuchungsergebnisse feststellt.

In Bezug auf die HEMA ist es fast unmöglich eine entsprechende Umgebung herzustellen um die Untersuchungsergebnisse der historischen Abhandlungen zu überprüfen. Die Waffen wurden ursprünglich zum verstümmeln und zum töten von Kontrahenten in einer lebensbedrohenden Situation benutzt. Aus offensichtlichen Gründen kann die experimentelle Methode nur eine Annäherung sein. Der Mangel an Quellen ist der Grund für eine natürliche Tendenz unter Forschern, nach Analogien zu suchen dadurch das er ein Werkzeug mit anderen ähnlichen und weithin bekannten Gegenständen verwendet. Dies führt häufig zu vielen Mißverständnissen und zu den hauptsächlichen Fehlern die häufig von laienhaften Forschern in den frühen Stadien der Rekonstruktion gemacht werden: Anpassen des Werkzeugs an die Methode. Es ist unnötig zu erwähnen, daß solch eine Analyse kaum zu den richtigen Schlüssen führen kann.

Zusammen mit der Menge des gesammelten Wissens und des bis dahin gelernten, entsteht ein wachsendes Bewußtsein für die Art und Weise der Verwendung bestimmter Werkzeuge oder Waffen. Man kann verschiedene Techniken überprüfen und langsam Verständnis darüber erlangen, wie ein Werkzeug in der Vergangenheit benutzt wurde. Dadurch das man die ursprünglichen erhalten gebliebenen Stücke oder die genauesten Repliken verwendet, kann man Antworten finden, die nicht in den Quellen aufgedeckt werden. Oft sind es grundlegende Informationen, wie z.B. das Wissen um die Geschwindigkeit und Kraft eines Schwerthiebs. Nur durch das Verbinden der zwei Methoden, Analyse und Experiment, kann man über das Ganze der historischen europäischen Kampfkünste lernen.

Nachteile der Abhandlungen

Die mittelalterlichen Kampfabhandlungen richteten sich in erster Linie an den Adel und später an die Bürger und die Oberschicht der Städte. Johannes Liechtenauer läßt keinen Zweifel hinsichtlich dessen, zu wem er spricht und fängt seine Verse an mit: "Junger Ritter lerne, Gott zu lieben und Frauen zu würdigen, so wächst deine Ehre." [2] . Ähnlich schreibt der anonyme Autor der französischen Abhandlung "Le Jeu de La Hache": "...und für dieses, lass jeden Mann, adlig von Körper und Mut, den Wunsch hegen sich zu üben [... ] hauptsächlich in der grossartigen Kunst der Waffen." [3]. Fiore dei Liberi erwähnt in seiner Einleitung das er nicht möchte daß seine Kunst unter Leuten verbreitet wird "die sie nicht anständig benutzen." [4] Sein Nachfolger, Filipo Vadi, geht sogar weiter: "...nie, auf keinen Fall, soll diese Kunst und Lehre in die Hände fallen von unkultivierten Männern und solchen die niedrigen Standes sind." [5].

Dieser Eilitismus ist das Hauptargument gegen die Abhandlungen, aber es gibt Tatsachen, die diesem widersprechen: Die Meister waren sich wohl bewusst um die Existenz der untereren Klassen und ihrer eigenen Weisen zu Kämpfen. Fiore erwähnt: "[...] Könige, Prinzen, Grafen, Generäle, Herzöge und Leute des Klerus sind für die Duelle qualifiziert.", Vadi sagt: "Aus diesem Grund sage ich ihnen zurecht das sie [die niedrig geborenen Männer] in jeder Hinisicht dieser Wissenschaft fremd sind, während das Entgegengesetzte meiner Meinung nach wahr ist, für jeden mit einem scharfsinnigen Talent und reizenden Glieder, wie die von Höflingen, Gelehrten, Baronen, Prinzen, Herzögen und von Königen." Der Autor von "Le Jeu..." fügt hinzu: "[...] das Spiel mit der Axt ist achtbar und lohnend für die Bewahrung eines guten Körpers, adlig und nicht-adlig."

Sicher wurde auf die unteren Klassen herabgeschaut, was durch viele verschiedene Zitate bestätigt wird, wie z.B. in Vadi : "... der Himmel erzeugte nicht diese unkultivierten Männer [die niedrig-geborenen] die ohne Verstand oder Fähigkeit und ohne irgendeine Beweglichkeit sind, sondern sie wurden eher als unvernünftige Tiere erzeugt, nur fähig, Belastungen zu tragen und um gemeine und grobe Arbeiten zu erledigen." Oder in der Abhandlung von Danzigs, der den Zornhieb "einen schlechten Bauernschlag" [6] nennt, weil dieses die Weise war, in der ein unerfahrener Bauer angreifen würde. Ähnlich die Verachtung die gesehen werden kann bei Liechtenauer für die Meister des niederen Standes (und weniger Können) die er "Leychmeister" nennt - die Tanzmeister.
Man kann sich jedoch sicher sein, daß die untereren Stände ihre eigenen Formen der Kampfkünste übten, wenn auch mehr in sportlicher Weise als die oberen Stände. Interessanterweise kann man in der Literatur und in den Chroniken Anmerkungen finden über die gewöhnliche Leute, welche die Ritter im Ringkampf schlagen - obwohl es manchmal fast offenbar eine Art von Redewendung, ein Symbol oder einer Metapher zu sein scheint. Das Bestehen von Kampfkünsten die dem östlichen Kobudo ähnlich sind, kann in der Abhandlung Paulus Hector Mairs bestätigt werden, die Abschnitte vom Kampf mit einer Sichel und einem Dreschflegel enthält, die zuerst einfache ländliche Werkzeuge waren.

Ohne Zweifel waren die Kosten des Herstellens der Abhandlungen und der allgemeine Analphabetismus vermutlich die beiden Hauptgründe, warum die Bücher während des Mittelalters nicht für die unteren Klassen geschrieben wurden. Während dieser Periode erfüllte die mündliche Tradition die sehr wichtige Rolle des behaltens und übergeben von Wissen und Tradition. Folglich lässt sich vermuten, daß die untereren Stände ihr Wissen in dieser praktischen Weise gewannen. Das bedeutet nicht, daß die Leute, die an den Schlachten teilnahmen, unerfahren waren. Zweifellos konnten selbst die "niedrigen" Leychmeister den gewöhnlichen Leuten etwas beibringen und was wir aus vielen anderen Quellen sehen, waren Schwert und Buckler durchaus auch eine ziemlich populäre Waffe des niederen Volkes. [7]

Die untereren Stände duellierten sich untereinander selten, jedoch wurden sie für größere Gefechte und Schlachten zu den Waffen gerufen. Im Kampf mit vielen Gegnern sind Taktiken dann sehr viel wichtiger als die Zahl der erlernten Techniken. Vermutlich waren beim erlernen des Kämpfens, die Anzahl der Techniken weniger wichtig als die Fähigkeit, sie im realen Kampf anwenden zu können. [8]

Eine anderer Nachteil der Abhandlungen ist, daß es nur zwei erhaltene Bücher aus dem 14. Jahrhundert gibt und keine früheren. Wenn man den Schwert-und Schildkampf des 11. oder 12. Jahrhunderts wieder rekonstruieren möchte, gibt es nur die Möglichkeit die Techniken aus Quellen heraus zu lesen die teilweise in so späten Perioden wie der Renaissance gefunden werden. Sehr interessanterweise beschäftigen sich mittelalterliche Abhandlungen überhaupt nicht mit Schwert und Schild, nur das Buckler und die großen deutschen Duellschilder oder dünnen Ritterschilder werden hauptsächlich zum duellieren verwendet. Dr. Sydney Anglo schlägt vor, daß die mittelalterlichen Fechtbücher im Grunde vielmehr als der Anbruch der Renaissance angesehen werden könnten.
Man sollte anmerken, daß die Techniken die in diesen enthalten sind, während des 14. und 15. Jahrhunderts verwendet wurden weswegen es wahrscheinlich nicht ganz auf den Punkt gebracht wäre sie "Renaissance Kampfkünste" zu nennen. Die Unterscheidung zwischen den Kampfkünsten des Mittelalters und die der Renaissance jedoch kann schwierig sein, da die meisten Schulen durch das 15. bis 16. Jahrhundert weiterhin bestanden und sich weiter entwickelten.

Das nächste Problem mit Abhandlungen ist von einer anderen Art. Jeder Meister beschreibt die Techniken in seiner eigenen bestimmten Weise. Zum Beispiel legen die Schüler von Johannes Liechtenauer unterschiedliche Deutungungen seiner Verse dar, wie in den Abhandlungen von Hanko Döbringer, Peter von Danzig und Sigmund Ringeck gesehen werden kann. Das Entschlüsseln der Abhandlungen wird zu einer sehr schwierigen Aufgabe wenn man folgende Fehlerquellen bedenkt:

  • Irrtümer des Schreibers z.B. die vertauschten Beschreibungen der Abbildungen im Codex Wallerstein oder Verse die auf den Seitenrändern hinzugefügt wurden wie in Döbringer
  • Gestaltungsarbeit die gelegentlich nicht zum Text passt
  • immer neues Vokabular
  • vage und sogar mysteriöse Beschreibungen z.B. Talhoffer
  • unleserliche Handschriften wie in Paulus Hector Mair
  • Fehlen von Richtlinien in der Orthographie
  • Zustand einiger erhaltener Abhandlungen z.B. das sog Solothurner Fechtbuch
  • Die Möglichkeit daß viele der Abhandlungen nie als Anleitungen gedacht waren, sondern eher als eine Art der Selbst-Darstellung oder um sich ins Gespräch zu bringen

Letztendlich sollte man hinzufügen, daß die mittelalterlichen Meister erstens völlig die Komplexität ihrer Kunst ("... diese Kunst ist so kompliziert das es schwierig ist sich an sie ohne die Hilfe von Büchern oder Abhandlungen zu erinnern... " - Fiore dei Liberi) und zweitens die Beschränkungen der Bücher begriffen: "Ein Mann kann den Kampf durch Sprechen und Schreiben nicht so klar erklären, wie mit den Händen unterrichten und darstellen." - Döbringer.

Weitere mögliche Quellen [9]

Weitere mögliche Quellen können die geschichtlichen Chroniken sein. Jedoch wurde die Genauigkeit der erzählenden Quellen durch Sydney Anglo in seinem Buch "Martial Arts of Renaissance Europe" sehr kritisiert. Er zitierte die Beschreibungen von zwei Kämpfen: Dem Duell zwischen Anthony Woodville und dem Bastard von Burgund (1467) das durch vier verschiedene Zeugen angegeben wurde und einem anderen Duell zwischen Bayard und Alonzo de Sotomayore (1503) beschrieben durch drei verschiedene Leute [10]. Die Unterschiede in den Zusammenhängen zwischen den Quellen resultieren in einem niedrigen Vertrauen auf die Chroniken als Primärquellen in der Rekonstruktion der HEMA.

Die Romanzen und "Chansons de Gestes" müssen separat behandelt werden. Einige Details der Verwendung der unterschiedlichen Waffen können z.B. n den nordischen Sagen gefunden werden [11]. Die Beschreibungen der grossen Leistungen der Waffen hier sind jedoch viel zu übertrieben und heroisch dargestellt. Die Hiebe die von den Kämpfern gemacht werden, können einen Mann zusammen mit seinem Pferd in der Hälfte zerschlagen [12]. Den Beschreibungen mangelt es häufig an Details über die Art und Weise der Techniken die während des Kampfes eingesetzt werden. Der Autor einer Romanze war normalerweise am Effekt interessiert den eine Beschreibung eines Kampfes auf den Leser hatte anstatt an einer exakten Darstellung. Manchmal kann gelegentlich ein gültiger Schluss gebildet werden wenn man mit anderen Quellen vergleicht - wie das Schlagen nach den Beinen des Gegners das häufig in Sagen gefunden und später durch archeologische Entdeckungen bestätigt wurde.

Bis vor kurzem (und unglücklicherweise manchmal immer noch), ist die Bedeutung der zeitgenössischen Abbildungen und Kunstwerken viel zu sehr unterschätzt worden. Die vorherrschende Meinung daß es der Kunst an Realismus mangelte verliert hoffentlich an Boden. Es ergibt sich, daß sehr häufig Darstellungen der Kunst denjenigen sehr ähnlich scheinen, die in den Abhandlungen gefunden werden. Nähere Betrachtung dieser zahlreichen doch häufig ignorierten Quellen kann helfen, die Kampfkünste in den korrekten gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zu bringen.

Eine letzte mögliche Quelle kann das forensische Material der Ausgrabungen von Schlachtfeldern wie Towton [13] und Wisby [14] sein. Sie decken Informationen über Verletzungen auf, die zeitgenössische Waffen verursacht haben und können im Zusammenhang mit der Analyse der Abhandlungen sehr nützlich zur Rekonstruktion des realen Kampfes sein. Die einzigen Nachteile sind, daß forensische Informationen nur Knochenverletzungen zeigen und deswegen kann man sich der tatsächlichen Situation wie die Wunde verursacht wurde nie sicher sein. Ein grundlegendes Beispiel in dieser Hinsicht ist ein Schädel, der scheinbar von drei Schüssen aus einer Armbrust getroffen wurde und dadurch viele Spekulationen auslöste. Unglücklicherweise sind solche wertvolle Funde wie aus Towton und Wisby sehr selten.

Wie man sehen kann, ist alleiniges Vertrauen in Sekundärquellen unbedacht. Sie können den gesellschaftlich-kulturellen Kontext liefern aber bestimmen nicht die genaue Handhabung der Waffen. Was in Texten, Abbildungen und an Ausgrabungen gefunden wird, muss im Kontext der Abhandlungen betrachtet werden. Das Gegenteil ist allerdings auch zutreffend – die Fechtbücher müssen innerhalb des korrekten kulturellen Kontextes untersucht werden um keine falsche Schlüsse zu ziehen. [15]

Vorhandene Abhandlungen

Die direkten Anleitungen in Form von Abhandlungen über das Kämpfen erschienen am Ende des 13. Jahrhunderts. Das älteste bekannte erhalten gebliebene Manuskript aus dieser Zeit ist das I.33 [16] und beschreibt den Kampf mit Schwert und Buckler. Die Arbeit der Brüder "Del Serpente", die noch nicht aufgefunden worden ist, datiert im gleichen Zeitabschnitt - Dr. Anglo bezweifelt jedoch das es überhaupt existiert. Es scheint so als ob diese zwei Bücher einzigartig sind in ihrer Zeit, da das folgende erhaltene Manuskript auf 1389 datiert ist . Es wurde von einem Priester mit dem Namen Hanko Döbringer geschrieben, ein Schüler von Johannes Liechtenauer und ist hauptsächlich eine Auseinandersetzung zwischen dem Autor und den "Leychmeistern" [17].

Das Ende vom 14. und der Anfang der 15. Jahrhunderts war die Zeit, als die Meister die Kampfkünste systematisierten: Johannes Liechtenauer im langen Schwert und Ringkampf, Andrew Liegnitzer mit dem Speer, Ott Jud im Ringkampf und Fiore dei Liberi entwickelte ein komplettes Kampf-System. Von allen diesen scheint Liechtenauer besonders wichtig zu sein, da von ihm die deutsche Tradition des Langschwert-Kampf fast wortwörtlich weitverbreitet kopiert wurde und in den Abhandlungen aus dem 15. Jahrhundert von Peter von Danzig, Sigmund Ringeck, Jörg Wilhalms und später im anonymen "Goliath" weiterentwickelt wird. Dieses endet bei Joachim Meyer der die Lehre jedoch beträchtlich änderte. Diese Tradition ist im Detail in einigen akademischen Arbeiten beschrieben worden [18] . Fiore dei Liberi scheint ein Vater der italienischen Tradition zu sein, die mit seinem "Flos Duellatorum" [19] beginnt und erst von Filipo Vadi und später von Achille Marozzo in seiner "Opera Nova" und Manciolino fortgesetzt wird. Diese Tradition wartet auf eine ausführlichere Untersuchung.

Andere bemerkenswerte Quellen aus dem 15. Jahrhundert umfassen: "Gladiatoria", das sich mit dem Kampf in Rüstung beschäftigt - vielleicht mit Ratschlägen Liechtenauers zu diesem Thema - und das französische "Le Jeu de La Hache", das die Art und Weise beschreibt mit einem Streithammer zu kämpfen. Lecküchners Abhandlung über das Messer scheint das breiteste Spektrum von Techniken mit dieser Waffe zu enthalten. Hans Talhoffer beinhaltet Otts Ringkampf und interessante Streithammer und Dolch-Abschnitte, doch scheint er überbewertet zu sein, da er auch sehr kryptisch ist. Leider ist diese Abhandlung die meist genutzte und wird häufig als alleinige Quelle verwendet, was zu vielen Mißverständnisse in der HEMA-Rekonstruktion führt.

Andere Quellen umfassen: Codex Wallerstein, Hans Czynner, Paulus Kal - ein Rivale Talhoffers - oder Sigmund Schinning der unorthodoxe Liechtenauer Glossare enthält. Zusätzlich existieren auch einige französische Quellen, die noch nicht völlig erforscht worden sind, als auch zwei englische Manuskripte: das Harleian und Additional MS 39564. Sie haben sich als sehr schwierig erwiesen um in modernes englisch übersetzt und interpretiert zu werden. Vor kurzem schließen neue Entdeckungen ein kurzes deutsches Manuskript mit ein, das der Tradition Liechtenauers nicht zu folgen scheint.

Unter den Manuskripten der Renaissance kann die Fortsetzung der mittelalterlichen Traditionen gefunden werden. Nach Ansicht von Dr. Anglo, beschreibt Pietro Monte, ein spanischer Meister am Ende des 15. Jahrhunderts mittelalterliche Techniken. Auch die Anweisungen von Silver in "Brief Instructions of my Paradoxes of Defence" enthalten einige wertvolle Ratschläge und sein Schwert und Buckler hat unverkennbare Verbindungen zum I.33. Albrecht Dürer – der berühmte Maler – beschäftigt sich ebenfalls mit dem mittelalterlichen Kampf. Beachtung verdient die 1200 Seiten lange Kompilation, die Paulus Hector Mair, ein Stadtrat von Augsburg, der besessen war von den Kampfkünsten, herstellen lassen hat.

Die meisten der hier aufgelisteten Arbeiten enthalten die öffentlich vorhandenen HEMA-Quellen für die mittelalterliche Zeit. Eine ausführlichere Beschreibung der mittelalterlichen Abhandlungen über das Kämpfen kann in den Artikeln von S. Matthew Galas gefunden werden, "Setting the Record Straight: The Art of the Sword in Medieval Europe" und in "Kindred Spirits" . Deutsche Abhandlungen wurden im Detail von Hans-Peter Hils in seiner Arbeit "Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes" beschrieben.

Man sieht, die Anzahl der Quellen ist umfangreich. Einige von ihnen unterweisen den Schüler von Anfang an, wie z.B. dei Liberi, und andere enthalten nur eine Auswahl von meist fortgeschrittenen Techniken, z.B. Codex Wallerstein, die nur mit Hilfe anderer Quellen richtig interpretiert werden können. Jede von ihnen sollte im Detail betrachtet und gedeutet werden, um die Art und Weise des Umgangs mit den Waffen besser zu verstehen.

Abschließende Bemerkungen

Idealerweise sollte jeder ernste Lernende der HEMA danach streben, wenigstens einige der wichtigsten Abhandlungen zu lesen und zu begreifen, erhalten gebliebene Waffen zu handhaben, mit verschiedenen Partnern mit ausgezeichneten Repliken orginaler Waffen zu kämpfen und an größeren Gefechten teilzunehmen. Bis jetzt sind die Quellen meistens hart zu erreichen und teilweise in Sprachen wie Latein, Altdeutsch oder Altfranzösisch geschrieben, die ziemlich fremd sind für diejenigen die sich nicht mit Geschichte oder Philologie beschäftigen. Diese Situation verändert sich hoffentlich zum Besseren, gerade auch wegen des wachsenden Interesses an den Manuskripten und des Bewußtseins um die Existenz der westlichen Kampfkünste. Mehr Interpretationen und Übersetzungen erscheinen in Form von Online-Bibliotheken und veröffentlicht als Bücher.
Die Waffen-Repliken jedoch sind meistens nicht im geringsten in der Qualität der Orginalen und die Handhabung der letzteren ist auf verhältnismässig wenige Praktiker und Forscher beschränkt.

Rekonstruktion ist eine schwierige Aufgabe die viel Zeit und Mühe verlangt, die sich viele nicht leisten können. Jedoch sollte Mangel an Zeit keine Entschuldigung sein um die Quellen zugunsten "der reinen" experimentellen Methoden abzutun. Betrachtet man das momentane Wissen über die HEMA, kann man behaupten, daß ohne die Quellen die experimentellen Methoden auf sich allein gestellt selten erfolgreich sind. Unabhängig von ihren Nachteilen - zutreffender oder vermuteter Elitismus, begrenzte Anzahl von Techniken, schlechter Zustand und möglicher Zufallscharakter der erhaltenen Exemplare - sind die Abhandlungen die einzige plausible Quelle. Die HEMA sind so komplex und vielfältig, daß es keine ernsthaften Alternativen zum Studium der Fechtbücher gibt.

Mit der Zeit werden möglicherweise europäische Schulen der Kampfkünste erscheinen und die Leute die diese besuchen, erlernen die Techniken aus "zweiter Hand". Die Ausbilder - oder "Meister" - sollten sich mit einem tiefgründigen Fachwissen legimitieren. Nur dann wird die Gemeinschaft der westlichen Kampfkünste in der Lage sein, glaubwürdig über die historischen europäischen Kampfkünste zu sprechen. Die Straße ist lang und hart, bevor dieser Punkt erreicht wird.

Bibliographie
1. Anglo Sydney, "Martial Arts of the Renaissance Europe"
2. Amberger Christopher, "The Secret History of the Sword"
3. Anonymous, "Chanson de Roland"
4. Chaucer Geoffrey, "Canterburry Tales"
5. Clements John, "Medieval Swordsmanship"
6. Clements John, "Renaissance Swordsmanship"
7. Cvet David, "The Art of the Long Sword Combat"
8. Hils Hans-Peter, "Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes"
9. Oakeshott Ewartt, "Archaeology of Weapons"
10. Wierschin Martin, "Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens"

Seiten zum Thema im Internet:
1. Academy of European Medieval Martial Arts
2. Chicago Swordplay Guild
3. Chronique
4. the Exiles, CMMA
5. Association for Renaissance Martial Arts
6. Secret History of the Sword

Anmerkung: Der Autor möchte den folgenden Leuten für die Hilfe beim Schreiben dieses Artikels danken: John Clements, S. Matthew Galas, Stephen Hick, Russell Mitchell, Patryk Skupniewicz, Grzegorz Zabinski.

[1] Historical European Martial Arts
[2] Der Autor verwendete die Übersetzung ausgewählter Teile durch Grzegorz Zabinski aus Hanko Döbringers Abhandlung.
[3] Die Übersetzung von "Le Jeu De La Hache" durch Dr. Sydney Anglo
[4] Die Übersetzung von Fiore dei Liberis "Flos Duellatorum" durch die Royal Armouries in Leeds
[5] Die Übersetzung der Einleitung von Filipo Vadis Abhandlung durch Luca Porzio.
[6] Die Übersetzung ausgewählter Stücke von Peter von Danzig durch Grzegorz Zabinsky.
[7] Siehe z.B.. Chaucers Beschreibung des Müller.
[8] Dieses Thema wurde ausführlicher von J. Clements in seinem Artikel "One against many" und von Mark Bertrand in seinem Artikel "Tactical swordsmanship" behandelt.
[9] Das Thema über andere mögliche Quellen für Rekonstruktion der mittelalterlichen Kampfkünste ist im Detail im Buch durch Dr. Sydney Anglo "Martial Arts of Renaissance Europe" behandelt worden.
[10] Anglo Sydney, "Martial Arts of Renaissance Europe", pp. 18-20
[11] Oakeshott Ewartt, "Archaeology of Weapons"
[12] siehe z.B.. Chanson de Roland.
[13] "Blood Red Roses – The Archeology of a Mass Grave from the Battle of Towton AD 1461" Oxbow Books, 2001, ISBN: 1842170252
[14] "Armour from the Battle of Wisby" Bengt Thordeman, Chivalry Bookshelf
[15] Für die möglichen Fehler bei der Deutung der Manuskripte ohne ihren kulturellen Kontext zu sehen, siehe Christopher Ambergers Artikel, "Playing by the Rules".
[16] Wird in den Royal Armouries in Leeds aufbewahrt.
[17] Meister Johannes Liechtenauer verwendete diesen Ausdruck, um Schwertkämpfer zu bezeichnen, die sich nur mit Schaukampf beschäftigten.
[18] Die wichtigsten unter ihnen beinhalten Hans-Peter Hils "Meister Johann Liechtenauers Kunst des langen Schwertes" und Martin Wierschin "Meister Johann Liechtenauers Kunst des Fechtens".
[19] Es sind drei verschieden Ausgaben bekannt.

Bartlomiej Walczak

Über den Autor;
Bartlomiej ist ein Gründungsmitglied der "Brotherhood of the Eagle`s Nest" und Leiter der ARMA-Polen (Association for Renaissance Martial Arts) sowie Gründungs-Mitglied der Historical European Martial Arts Coalition (HEMAC). Er praktiziert historische europäische Kampfkünste seit 1998 und kam über Reenactment zu den Fechtbüchern. Sein Schwerpunkt liegt auf der deutschen Schule. Momentan studiert er Nuklear-Physik in Krakau, Polen und hofft auf ein Doktorat im Genfer CERN-Projekt.

Copyright (c) 2002, Bartlomiej Walczak, feniks@ciapek.uci.agh.edu.pl
Übersetzung (c) aus dem Englischen von Marlon Höss-Böttger, marlon.hoess-boettger@web.de

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Die rechtskräftige Englische Version zu finden unter http://www.gnu.org/licenses/fdl.html, deutschprachige Informationen und eine Übersetzung der General Public License zu finden unter http://www.gnu.de.

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